Ein ganz Großer der Werfer-Szene wird morgen Sechzig PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Axel Hermanns   

(Melsungen/Krefeld, 10. August 2010) Er ist ein Mann für viele Fälle, sportlich wie dienstlich. Aktiv betrieb er Gewichtheben bis hinauf zur Bundesliga, Handball, Fußball, Volleyball, war einer der schnellsten Anschieber im Bobsport, startete bei deutschen Turnfesten, im Rasenkraftsport und im Schleuderballwerfen. Doch seine ganz große Liebe und Leidenschaft gehört(e), gleich nach seiner Frau, mit der er drei Töchter und einen Sohn hat, dem Diskuswurf. Kaum zu glauben, aber wahr: Er beendete über 300 Wettkämpfe mit der 2-Kilo-Scheibe mit Weiten über 60 Meter. Im richtigen Leben ist er noch bis Ende diesen Monats Polizei-Hauptkommissar. Nun fangen so nicht alle Geschichten über einen runden Geburtstag an. Können sie auch nicht. Denn diese Vita ist einmalig, passt nur zu Alwin J. Wagner (*11.08.50, Bild) aus Melsungen, der morgen sein 60. Lebensjahr vollendet. Dass er nicht abergläubisch ist und keine Berührungsängste mit Freitag, dem 13. hat beweist die Tatsache, dass er just dann mit 140 durchweg prominenten Gästen aus Politik, Wirtschaft und nicht zuletzt Sport, darunter sechs Olympioniken, viele deutsche Meister sowie Teilnehmer an Welt- und Europameisterschaften, in der Melsunger Stadthalle das Ereignis gebührend feiert.
Es ist irgendwie bezeichnend, dass Alwin Wagner im Sternzeichen Löwe geboren ist. Er hat den Mut und den Kampfgeist des Königs unter den Tieren. Und er hat offenbar sieben Leben, die den Katzen nachgesagt werden. Denn der gläubige und praktizierende katholische Christ ist in relativ jungen Jahren dem Gevatter Tod schon viermal von der Schippe gesprungen. Ein bisschen himmlischer Beistand wird bei seinem guten Draht nach oben in Gestalt von Schutzengeln womöglich auch dabei gewesen sein. Ohne es zu diesem freudigen Anlass auszuschmücken, war die Einpflanzung eines künstlichen Hüftgelenkes im Jahre 2008 noch die harmloseste Baustelle, wenngleich auch nicht ohne Komplikationen verlaufen. Rein rechnerisch gesehen kann er jedenfalls mit den drei verbliebenen Leben die 100 locker voll machen. Johannes „Joopi“ Heesters lässt schön grüßen!
Der „Herr der Ringe“ war so eine Art Dauerbrenner unter den Diskuswerfern. Gerade 23-jährig übertraf er 1973 erstmals die begehrte 60-Meter-Marke, zuletzt 1992 mit 42 Jahren. Und dazwischen alle 18 Jahre am Stück. Eine derartige Serie sucht ihresgleichen, können allenfalls noch Al Oerter, Jay Silvester (beide USA) und Jürgen Schult aufweisen. Den Senioren-Europarekord steigerte er 1990, also mit Vierzig, auf 65,80 m. Erst zwölf Jahre später wurde diese Bestmarke vom immer noch amtierenden Weltrekordler Schult um einen winzigen Zentimeter gesteigert. Seine Blütezeit erlebte der gebürtige Melsunger, damals im Trikot des ruhmreichen USC Mainz, zwischen 1981 und 85 mit fünf nationalen Titeln hintereinander. Bei den Olympischen Spielen 1984 in Los Angeles (USA) wurde er Sechster, nur einen halben Meter von Bronze entfernt. Seine Lebensbestleistung stellte er am 1. Juli 1987 mit 67,80 m auf. Auch heut zu Tage noch eine Hausnummer, wie die EM-Resultate aus Barcelona lehren. Der 1,95 m große und seinerzeit 130 Kilo schwere Diskus-Hüne trug bei Länderkämpfen, Europameisterschaften (1978 Prag, ´82 Athen, ´86  Stuttgart), bei Europa-Cups und Olympia in der Vorstadt von Hollywood 44 Mal das Nationaltrikot mit dem Adler auf der Brust, war zeitweise Mannschaftskapitän.
Alwin griff mehr oder weniger nahtlos bei den Senioren ins Geschehen ein, war 25 Mal Deutscher Meister, Weltmeister 2005 in San Sebastian (Spanien), Europameister 2006 in Posen (Polen) und Hallen-Europameister 2007 im finnischen Helsinki. Kein Witz, da wurde tatsächlich unter dem Hallendach Diskus geworfen. Nicht zu vergessen: Seit nunmehr 28 Jahren hält er mit 86,92 m den Weltrekord im Schleuderballwurf. Gigantisch!
Natürlich reduziert sich der Nordhesse aus dem Schwalm-Eder-Kreis nicht auf Sport und Beruf. Sein weit reichendes soziales Engagement erstreckt sich über die Mitarbeit im Pfarrgemeinderat, die Polizeiseelsorge, Gewerkschaftsarbeit, die Tätigkeit als Stadtverordneter in Melsungen und quasi die gesamte Palette in der Leichtathletik bis hin zum Vize-Präsidenten des hessischen LA-Verbandes. Seine spektakulärste Tat und Auszeichnung: Für seinen großen persönlichen Einsatz um die Freilassung und Ausreise des in der ehemaligen DDR wegen angeblicher West-Kontakte inhaftierten früheren Diskus-Weltrekordlers Wolfgang Schmidt erhielt Alwin Wagner den Fairness-Preis der Deutschen Olympischen Gesellschaft.
Besser kann ein Laudatio nicht enden. Nur noch soviel: Lampis wünscht seinem VIP-Mitglied noch unendlich viele und schöne Jahre im seligen (Un-)Ruhestand! Denn ungeachtet seiner christlichen Gesinnung ist er alles andere als ein Kind von Traurigkeit.