Bei dieser unsäglichen EM prasselte es knüppeldick auf die Geher ein

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Kolumne

Moment mal

(Eraclea/Krefeld, 16. September 2019) Schlimmer geht immer. Man(n)/frau glaubt es kaum, doch ist es so bei den gestern zu Ende gegangenen organisatorisch vielfach versaubeutelten Senioren-Europameisterschaften im Großraum Venetien bis zu 80 Kilometer hinter der Lagunenstadt Venedig an der norditalienischen Adria. Da sind den Verantwortlichen und letztlich betroffenen Athleten/innen so einige Felle davongeschwommen. Besonders Dicke bekam es auf der ziemlich letzten Welle die Geher-Familie bei ihren Wettbewerben in Eraclea ab. Die 10-km-Strecke war unverzeihliche 875 Meter zu kurz, der Ausgang damit praktisch irregulär (wir berichteten). Wer denn nun geglaubt hatte, die Verantwortlichen hätten aus diesem hochnotpeinlichen, durch absolut nichts zu entschuldigenden Vorkommnis für den noch anstehenden 20-km-Wettbewerb am vorigen Samstag die Konsequenzen gezogen, der sah sich bitter enttäuscht und eines Schlechteren belehrt.

Strecke als „ausgleichende (Un-)Gerechtigkeit“ diesmal etwa 500 Meter zu lang

Obwohl zuvor eine Erklärung herausgegeben wurde, dass die Strecke noch- oder erstmals (?) explizit vermessen worden wäre und mithin diesbezüglich dem erforderlichen Standard entspreche, stellte sie sich nunmehr, gewissermaßen als „ausgleichende (Un-)Gerechtigkeit", als zu lang heraus. Auf den Meter genau wie viel, da scheiden sich die klugen Geister. Sehr weit liegen sie indes nicht auseinander. Es darf als gesicherte Erkenntnis davon ausgegangen werden, dass der zurück zu legende Gehweg die 20-Kilometer-Marke deutlich überschritten hat. Dabei können wir uns auf die zuverlässigen Informationen des ausgewiesenen und anerkannten Geher-Fachmannes Udo Schaeffer aus Jena stützen, der die Spezialseite www.geherpokal.de betreibt.

Franzose Patrick Brochot deckte als Erster den Missstand auf

Dazu sei vorausgeschickt, dass internationale Spitzengeher nach dem Startschuss nicht mal einfach munter drauflos gehen und ihr Schicksal in die Hände der Veranstalter legen. Schon allein zur Kontrolle von Zwischenzeiten, die sie gerade im Senioren-Bereich nicht beliebig an jeder Ecke bekommen, sind sie mit hocheffizienten und exakten GPS-Uhren am Handgelenk ausgestattet.
Deshalb ist ja überhaupt die zu lange Strecke aufgefallen. Danach kommt der M40-Sieger Rick Liesting aus den Niederlanden, der praktisch die All-Star-Wertung anführt, auf 20,47 km.
Aufgrund der früheren Startzeit fiel es zuerst dem M65-Ersten Patrice Brochot aus Frankreich auf, ein Star der Szene. Er geht im doppelten Wortsinne von 20,58km aus. Bei einem Mittelwert dieser beiden Messungen sind es 20.525 Meter. Und wenn es nur 200 Meter mehr wären: Zu viel bleibt zu viel, entspricht nicht der ausgeschriebenen Distanz und ist ergo regelwidrig. Eine offizielle Nachprüfung soll angeblich noch erfolgen. Erhebliche Zweifel sind nach dem Prinzip aus den Augen aus dem Sinn angebracht.

EMA wird die Angelegenheit vermutlich wieder aussitzen

Da es mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wieder einmal keine offizielle Stellungnahme auf der Netzseite der European Masters Athletics (EMA) zu dem neuerlichen Skandal geben wird, ist davon auszugehen - so es immer noch reicht -, dass irgendwann alle möglichen Bestenlisten falsche Werte widerspiegeln werden. Denn bei einer zu kurzen Strecke (10km) musste schon allein wegen der nicht wirklichen drei Weltrekorde ein bisschen Farbe mit der späteren, haarsträubenden, getürkten Umwandlung von 10km in Short Road Race Walk bekannt werden, bei einer zu langen besteht hingegen latente Verdunklungsgefahr.
Die Gelackmeierten sind einmal mehr die Aktiven. Insbesondere die Hinterbänkler, die von all' dem höchstwahrscheinlich nichts mitbekommen haben. Das ist mit einem weiteren Kapitel schlicht und einfach der ganz normale Wahnsinn der unseligen Ägide von EMA-Präses Kaschke.

250 Medaillen für Mannschaftswettbewerbe der Geher wurden gestohlen

Als ob das alles noch nicht genug wäre, sind in Eraclea für die Mannschaftswettbewerbe der Geher vorgesehenen 250 Medaillen gestohlen worden. Besonders sicher können sie nicht aufbewahrt gewesen sein. Aber wer macht so etwas? Schließlich sind die Plaketten nicht wirklich aus Gold, Silber und Bronze. Der reine Metallwert lohnt nicht mal das Einschmelzen. Ohne hier Verschwörungstheorien zu bemühen, riecht das verdächtig nach einer Art Attentat. Wem immer es gegolten haben mag? Die Medaillen sollen jetzt an die entsprechenden Verbände geschickt werden. Ob sie jemals bei den Aktiven ankommen? Wer‘s glaubt, wird selig!
Redaktioneller Hinweis auf einen weiteren aktuellen EM-Beitrag in unserem Schaufenster Ergebnisse.