Malaiko Mihambo sprang im finalen sechsten Versuch zur Goldmedaille

(Tokio/Krefeld, 03. August 2021) Was für ein Finale furioso in einem Hitchcocktail für starke Nerven, den ein Dramaturg nicht spannender und faszinierender hätte gestalten können. Eben eine Hochglanz-Geschichte wie sie allein das wahre, pralle Leben zu schreiben vermag. Malaika „Engel“ Mihambo flog als drittletzte Athletin mit der schon sicheren Bronzemedaille (6,95m) in der Sporttasche im finalen letzten Versuch mit der neuen Saisonbestleistung (bisher 6,98m aus der Qualifikation) von exakt sieben Metern zu Gold, zum Olympiasieg  im Nationalstadion von Tokio. Unmittelbar nach ihr vermochten die mit 6.97m weitengleichen Ese Brume (Nigeria) und Brittney Reese aus den USA nicht mehr zu kontern. Und die junge Frau aus Heidelberg machte tatsächlich wahr, woran bis auf ihre bekennende, flammende Anhängerin, die weitspringende Doppel-Olympiasiegerin von 1992 in Barcelona (7,14m) und 2000 in Sydney (6,99m) Heike Drechsler, wohl nicht mehr so ganz viele geglaubt haben, gehofft schon.

Anlaufprobleme auch diesmal ein höchst lästiger Verbündeter
 
Bekenne freimütig, dass ich eingedenk der latenten Anlaufprobleme von Mihambo über die gesamte Saison gesehen und dem von einem Senioren-Sprinter verliehenen Spitznamen „Vor dem Balken“ ebenfalls zu den Skeptikern gehört habe. Und die Brettfindungslotterie blieb der 27-jährigen Kurpfälzerin auch diesmal ein höchst lästiger Verbündeter. Den 20 Zentimeter breiten Balken bis auf einige Millimeter stets voll auszureizen ist eine Kunst, die keine/r kann. Aber was die zweimalige Deutsche Sportlerin des Jahres, dem nun vermutlich das Triple nach 2019 und 2020 folgen dürfte, meist so an nicht gemessener Weite ungewollt abschenkt, sucht in der Weltspitze ihresgleichen. Selbst bei ihrem Siegessprung waren es 19,5 Zentimeter, berührte sie den Balken so gerade mit der Schuhspitze, nutzte also die Katapultwirkung abermals nicht aus.

Was wäre gewesen, wenn...?

Wo wäre sie bloß hingeflogen, wenn der Versuch richtig gegessen hätte? Dann wäre womöglich auch ihre absolute Bestleistung von 7,30m bei ihrem weltmeisterlichen Sprung von 2019 in Doha (Katar) in Gefahr gewesen. Leider nur Konjunktiv. Doch was im heute, hier und jetzt zählt ist der Olympiasieg. Dazu noch die Chronologie der sechs Versuche: 6,83m (16,5 cm vor dem Plastilin), 6,95m (- 12,7), 6,78m (- 20,6), ungültig (+ 9,2), ungültig (+ 4,6), 7,00m (-19,5). Und zu guter Letzt noch ein Superlativ: Die Allesgewinnerin mit den prickelnden Initialen M.M. einer ge- und berühmten, noblen deutschen Sektmarke (Matheus Müller aus Eltville im Rheingau) vereinigt aktuell alle vier möglichen Titel unter freiem Himmel von national, über Europa, der Welt und nunmehr Olympia auf sich. Mehr geht nicht. Ob sie sich darauf ein Gläschen dieser oder einer anderen Marke gegönnt hat, ist (noch) nicht überliefert. – Das vollständige Wettkampfprotokoll.

Speerwerferin Christin Hussong mit Ach und Krach weiter

Eine weitere weibliche Medaillenhoffnung aus der „Bunten Republik Deutschland“ (O-Ton Udo Lindenberg) tat sich außerordenlich schwer. Christin Hussong überstand mit für sie mäßigen 61,68m und noch grottigeren Würfen von 59,19 sowie 58,06m mit Ach und Krach als Elfte die Qualifkation. Die pure Verzweiflung war der Weltbestenlisten-Zweiten (69,19m) regelrecht ins Gesicht geschrieben.
Der deutsche Rest bis auf den sich als Fünftem des dritten 1.500-m-Vorlaufs in 3:36,61 Minuten direkt für eines der Triplefinals qualifizierenden Robert Farken war noch mehr Asche auf die jeweiligen Häupter. Unsererseits küren wir als Sportouristen des Tages 200-m-Sprinter Steven Müller, der in beschämenden 21,08 Sekunden den 40. Gesamtrang von 48 Gestarteten belegte. 
– Alle Ergebnisse von heute Vormittag Ortszeit.

Dreisprung-Ikone Willie Banks überreichte Kristin Pudenz die Sonnenblumen

Es darf wohl im Nachhinein betrachtet als gutes Omen gewertet werden, das 20 Minuten vor der Weitsprung-Entscheidung die Ehrung im Diskuswurf der Frauen vorgenommen wurde und Kristin Pudenz ihre Silbermedaille verliehen bekam. Den kleinen Strauß mit Sonnenblumen wurde ihr vom US-amerikanischen IOC-Mitglied Willie Banks überreicht. Die mit diesem bekannten Namen dennoch nichts anzufangen wissen: Der inzwischen stark fortgeschrittene 65-jährige US-Boy war dereinst mit 17,97m zwei Jahre lang Weltrekordhalter im Dreispung und hat sich vorher die Qualifikation seiner Nachfolger angeschaut, dabei einen mit 16,69m (17. von 31) ziemlich enttäuschenden Max Heß gesehen. Banks galt zu seiner Zeit als der Spaßvogel der Leichtathletik. Er war auch als Animateur der Erfinder des rhythmischen Klatschens zunächst in den Sprungwettbewerben. Für mich war es eine große Freude, ihn anlässlich der Senioren-Weltmeisterschaften 2007 in Riccione persönlich kennen zu lernen und mit ihm zusammen auf einem Erinnerungsfoto „verewigt“ zu werden. Es fügte sich nämlich, dass die Siegerehrungen im Dreisprung, den er in der M50 mit 13,10m gewann, und die im Kugelstoßen der M60 mit mir als Drittplatziertem unmittelbar hintereinander stattfanden.
Bei der heutigen Abendveranstaltung ab 12.10 Uhr MESZ sind noch Hürdensprinter Gregor Traber und 5.000-m-Läufer Mohamed Mohumed in den Vorläufen im Einsatz sowie Bo Kanda Lita Baehre und Oleg Zernikel im Stabhochsprung-Finale.