Aufwand und Ertrag bei der WM stehen in krassem Missverhältnis

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Kommentar

Replik & Kritik

(Doha/Darmstadt/Krefeld, 10. Oktober 2019)
Aufwand und Ertrag lassen sich gerade im Sport nicht beliebig in Einklang bringen. Erst recht nicht in der von den Aktiven in der Spitze professionell ausgeübten Leichtathletik, die hier zu Lande von einer amateurhaft bis teilweise dilettantischen Dachorganisation ge(miss)managt wird. Allerdings war, um im Sprachbild zu bleiben, Szenekennern bereits vor den Weltmeisterschaften in Doha im Wüstenstaat Katar klar (uns eingeschlossen), dass die Rechnung mit einem aufgeblähten Kader von 71 Athleten/innen mit allzu vielen Sporttouristen im Germany-Trikot, dazu obendrauf noch das vermutlich Zweifache an Heim-, Bundestrainern, Ärzten, Physiotherapeuten, Betreuern, Kofferträgern, eingeladenen Sponsoren, diversen (Ehren-)Amtsinhabern und vielleicht noch der DLV-Geschäftsstelle auf Betriebsausflug nicht aufgehen konnte.

Ausbeute der Medaillen zur Teilnehmerzahl 8,45 Prozent

Gemessen an Medaillen stehen auf der Habenseite zwei Goldene durch Zehnkämpfer Niklas Kaul und Weitspringerin Malaiko Mihambo, vier Bronzene durch Hindernisläuferin Gesa Felicitas Krause, Kugelstoßerin Christina Schwanitz, Langstrecklerin Konstanze Klosterhalfen und Speerwerfer Johanes Vetter. Das bedeutet im nicht nur von uns verpönten Medaillenspiegel, der nun einmal Äpfel und Birnen in einen Topf wirft, den siebten Rang in der Nationenwertung. Anders ermittelt eine Ertragsquote (6 aus 71) von 8,45 Prozent. Die vornehmliche Wintersportnation Österreich kann auf Platz 30 dagegen (2 aus 4) 50 Prozent vorweisen. Zugegeben – auch der Vergleich hinkt. Es zeigt andererseits, dass derartige Spielereien mit Spieglein, Spieglein an der Wand… absolut keinen sittlichen Nährwert haben.

Lobhudelei von Kessing ging an den Tatsachen völlig vorbei

Oh Wunder: Auf der Netzseite des Deutschen Leichtathletik Verbandes (DLV) in Darmstadt wurde diesmal nicht das sonst wider besseren Wissens allgemeine Schulterklopfen zur Scha
u gestellt, wie toll denn mal wieder alles gewesen sein soll. Einmal abgesehen von dem handelsüblichen Angliszismus-Wahnsinn nach Art des Hauses (gleich dreimal Road to Tokyo und Learnings) durchaus selbstkritische Anmerkungen. Mehrfach war auch von schweren äußeren Bedingungen am Schauplatz die Rede, die auch DLV-Generaldirektor Cheik-Idriss Gonschinska frühzeitig im Gespräch bei ZDF-Moderator Norbert König mit, Achtung: Denglish-Misch-Masch, eine „große Challenging“ (er meinte Herausforderung) beklagte.
Das sah indes der ziemlich anhnungslose DLV-Präsident Jürgen Kessing (im Bild) bei der Abschluss-Pressekonferenz zur WM noch in Doha nach seiner „Wahrnehmung“ und einer penetranten, impertinenten Lobhudelei völlig anders. Was hat er da bloß gesehen oder richtiger eben alles nicht? Den Spott und die Häme hat er sich in etlichen Kommentaren redlich verdient. Nur ein Beispiel unter diesem Link. Unsererseits wollen wir ihn jedoch nicht wichtiger nehmen als er ist. Jeder blamiert sich halt so gut er kann. Er konnte, der Verwaltungs(fach)mann aus Bietigheim-Bissingen.

Viele Verfehlungen der Kommentatoren von ARD und ZDF

Stichwort Medien. Bei den sich täglich abwechselnden Fernseh-Übertragungen von ARD und ZDF gab es abermals für die wahren Fachleute an den Bildschirmen von den Kommentatoren Ralf Scholt, Wilfried „Willi“ Hark (beide ARD), Peter Leissl und Marc Windgassen (beide ZDF) mit Unmengen von sachlichen, fachlichen sowie sprachlichen Verfehlungen ordentlich was auf die Ohren. Eine kleine Kostprobe von Windgassen nach dem zweiten Finalversuch von Johannes Vetter: „Zumindest hat er schon einmal einen Stehen.“ Gut, kann im Übereifer des Gefechts schon mal passieren, ist es ja auch. Wohlgemerkt im missverständlich schlüpfrigen Wortsinn nicht bei Vetter.

Kongeniales Doppel Claus Lufen/Frank Busemann preisverdächtig

Positiv jedoch, dass sich beide Öffentlich Rechtlichen Fernseh-Anstalten, Duplizität der Ereignisse, als Experten der ehemaligen hochkarätigen Zehnkämpfer Frank Busemann (ARD) und Michael Schrader (ZDF) bedienten. Preiswürdig für mich der „ewige Lausbub“ Busemann, der im Verbund mit Moderator Claus Lufen mit seiner Schlagfertigkeit und seinem Wortwitz ein kongeniales Gespann bildete. Das erinnerte an das Doppel Gerhard Delling/Günter Netzer dereinst bei Fußball-Übertragungen. Die erhielten 2000 den Adolf-Grimme-Preis, eine Art Fernseh-Oscar, und 2008 als „Traumduo des Sportjournalismus“ den Medienpreis für Sprachkultur.
Doch leider hat die Leichtathletik weder die mediale Aufmerksamkeit, noch ist sie so häufig im Blickpunkt eines etwas größeren Publikum-Interesses. Denn gegenüber einer Fußball-WM bis zu 30 Millionen Zuschauern in unserem seit 30 Jahren vereinigten Vaterland waren es bei der früheren olympischen Kernsport lediglich maximal ein Sechstel davon