DLV sieht sich mit massiven Angriffen medialem Nachbeben ausgesetzt

Kolumne

Moment mal

(Eugene/Darmstadt/die Republik/Krefeld, 27. Juli 2022)
 Wer den Schaden hat, braucht für Spott und Häme nicht mehr zu sorgen. Den/die bekommt er obendrauf geschenkt. Es rauschte gestern in einer breiten Gewitterfront mit Blitz und Donner von Nord bis Süd, Ost bis West durch den analogen und digitalen Blätterwald aller großen deutschen Tageszeitungen und Nachrichtenportale. Das lässt sich nicht einmal in Schlagworten alles widerspiegeln und an dieser Stelle abbilden. Der Tenor war eh stets derselbe: Das historisch schlechteste Abschneiden einer deutschen Leichtathletik-Nationalmannschaft der Männer/Frauen bei einer Weltmeisterschaft, eben jüngst jener in Eugene/USA, und vor allem das Missmanagement des nationalen Dachverbandes. Irgendwie und irgendwo geht es immer noch weiter den Bach runter.  

Kopfsprung in den Wassergraben symptomatisch für das deutsche Aufgebot

Das müssen wir hier nicht rekapitulieren, haben meinungsfreudig und dezidiert bereits während der zehn Tage mehrfach die Tastaturfinger in die „offenen Wunden“ gelegt, dabei „Ross und Reiter“ genannt. Eine noch nicht, deren Panne allerdings symptomatisch für die Germanen und –innen im hübsch-hässlichen gestreiften Nationaltrikot des us-amerikanischen Ausrüstungssponsor mit Konzernsitz am Schauplatz der Handlung werden sollte: Hindernisläuferin Lea Meyer, die mit einem ungewollten Kopfsprung in den Wassergraben die Slapstick-Einlage dieser Titelkämpfe frei Haus lieferte. Das 24-jährige Pechvögelchen rappelte sich jedoch auf und lief das Rennen als Vorlauf-Achte in 9:30,81 Minuten zu Ende. Damit war sie immerhin noch rund 22 Sekunden schneller als Gesa Felicitas Krause als 15. und Letzte des Finales über 3.000m Hindernis. Nun hat die deutsche Pfadfinderschaft ein Problem, welche von beiden die Tapferkeitsmedaille erhalten soll.

Eine sich seit Jahren abzeichnende, hausgemachte Krise

Genug gespottet. Stellvertretend sei noch auszugweise ein Beitrag der Deutschen Presse-Agentur (dpa) in der meistzitierten Rheinischen Post aus Düsseldorf mit der Überschrift „Mihambo-Gold hilft nur bedingt“ und der Unterzeile „Die deutsche Leichtathletik steckt nach dem schlechtesten WM-Abschneiden in der Krise“ genannt.
Aus dem Text: Die Goldmedaille von Malaika Mihambo  am Ende der WM sorgte für den erhofften Glanz – übertünchen konnte sie das Fiasko der deutschen Leichtathletik nicht. Und weiter: Ein Ausrutscher ins Negative ist die Pleite in den USA nicht, sondern eine sich seit Jahren abzeichnende Krise, die spätestens bei den Tokio-Spielen 2021 mit nur drei Olympia-Medaillen sichtbar wurde.

Ein Fall für Frank Ullrich, Sportausschuss-Vorsitzender des Bundestages

Der allenthalben und allerorten massiv angegriffene DLV, der sich sonst bei positiver Berichterstattung auf seiner Netzseite leichtathletik.de unter „Flash-News des Tages“ im Presse-Spiegel zu sonnen pflegt, schweigt dieses Thema nach Vogel-Strauß-Manier tot. Und noch etwas Tierisches mit meiner Befürchtung: Der DLV wird nach Känguru-Art weiterhin ungerührt und unverdrossen große Sprünge mit leerem (eigenen) Beutel machen. So ihm von höheren Orts kein Riegel vorgeschoben wird. Denn: Lampis liegt in „BCC“ die E-Mail eines namhaften Leichtathletik-Kenners an Frank Ullrich vor, den Vorsitzenden des Sportausschusses im Deutschen Bundestag. Darin heißt es unter anderem:
„Wenn eine überwiegend durch Steuergelder finanzierte Kernsportart dermaßen gegen die Wand gefahren wird, muss man sich schon die Frage stellen, wer denn dafür die Verantwortung trägt. Die aktuelle Führung des DLV ist ja offensichtlich vollkommen überfordert und sollte die nötigen Konsequenzen ziehen.“

Der Fisch stinkt zuerst vom Kopf

Wenngleich eine ebenfalls aus der Tierwelt importierte nicht neue Erkenntnis und erst kürzlich im Zusammenhang mit der Senioren-Leichtathletik von Gastautor Gerhard Zachrau aus Mutterstadt verwendet: Der Fisch stinkt zuerst vom Kopf! Und der Fischmarkt hat diesmal seinen Sitz nicht in Hamburg-Altona sondern in Darmstadt. Nennen wir die Gattung Steinbutt. Klingelt’s?

Doppelschlag: Sprinter Alexander Kosenkow toppte zwei Bestzeiten

(Minden/Krefeld, 26. Juli 2022) Gleich die Premiere des 1. Nationalen Leichtathletik-Meetings vorigen Samstag im Weserstadion in Minden wurde durch zwei hochkarätige kontinentale und globale Bestzeiten in der M45 geadelt. Sprinter Alexander Kosenkow (*14.03.1977; im Bild) vom TV Wattenscheid präsentierte sich in blendender Form und Tagesverfassung. Trotz ausgeschriebener Seniorenwertungen hatte er für die offene Männerklasse gemeldet – wohl wissend, dass Konkurrenz bekanntlich das Geschäft belebt. Und so rannte der mehrfache Deutsche Meister über 60, 100 und 200 Meter (Halle und Stadion) sowie Olympiafünfte mit der 4x100-m-Staffel (2008 in Peking) im Vorlauf bei leichtem Rückenwind (0,4 m/s) ganz starke 10,75 Sekunden über 100m. Damit holte er nur knapp drei Wochen nach den Senioren-Weltmeisterschaften im finnischen Tampere den Europarekord seiner Altersklasse zurück nach Deutschland. Den hatte Jochen Gippert (*25.01.1977) vom TV Herkenrath nämlich dort im Finale an den Briten Dominic Bradley verloren, der die Marke auf 10,84 Sekunden gesteigert hatte (wir berichteten).

Beim Weltrekord über 200 Meter den von Europa in Schutt und Asche gelegt

Auf den 40 Minuten später angesetzten Endlauf verzichtete der auch im Para-Sport als „Guide“ für Sehbehinderte aktive Kosenkow im Ostwestfälischen mit dem Hinweis, dass er „im Vorlauf schon sehr viel investiert” habe und in seinem Alter mit den Kräften haushalten müsse. So blieb der vom US-Amerikaner Willie Gault im Jahr 2006 aufgestellte Weltrekord von 10,72 Sekunden (noch) unangetastet. Aber es gab noch einen guten Grund für den 45-jährigen Wattenscheider, den 100-m-Endlauf ohne sich sausen zu lassen: „Vielleicht kann ich ja gleich über 200m noch unter 22 Sekunden laufen.” Gesagt, getan: Knapp zwei Stunden später trommelte Kosenkow die halbe Stadionrunde bei Windstille Kopf an Kopf mit dem 19 Jahre jüngeren Michel Meißner vom Hamburger SV herunter. Die elektronische Zeitmessung blieb im Ziel für beide bei 21,65 Sekunden stehen: Neuer Weltrekord für die M45, der seit 2008 mit 21,80 sec. ebenfalls im Besitz von Gault gewesen ist. Den Europarekord von 22,21 sec. des Briten Stephen Peters von der Senioren-WM im August 1999 in Gateshead/GB legte Alexander Kosenkow gewissermaßen um 56 Hundertstel in Schutt und Asche (Ergebnisliste). Freilich hatte er den, ohne dass bisher ein Eintrag in der EMA-Rekordliste darüber erfolgte, bereits selber am 15.Juli in Delmenhorst auf 22,10 sec. verbessert.

Sprintstaffel der Frauen brach mit Glück den medaillenlosen Bann

(Eugene/Krefeld, 24. Juli 2022)  Unverhofft kommt oft. Behauptet jedenfalls ein Spruch aus Volkes Mund. Allerdings war der für die quantitativ viel zu üppig aufgestellte deutsche Leichtathletik-Nationalmannschaft bei diesen Weltmeisterschaften in Eugene im US-Bundestaat Oregon über eine elendig lange Strecke bis kurz vor Schluss weit überwiegend negativ belegt. Speerwerfer Julian Weber schien dafür auserkoren, den medaillenlosen Bann nach sehr locker absolvierter Qualifikation von 87,28m brechen zu können. Der Mainzer präsentierte sich entgegen allzu vielen selbst am eigenen Standard gemessenen enttäuschenden Germanen in exzellenter aktueller Verfassung und strahlte jede Menge Zuversicht aus. Der mit feiner Klinge statt körperlicher Brachialgewalt werfende, feinfühlige Filigrantechniker rief nach der kurzen Galavorstellung den ersten 90-m-Wurf (PBL 89,54m) seiner Karriere und eine Medaille mit „ich mache mein Ding“ aus. Die optimistische Rechnung ging nicht auf. Nach gutem Auftakt von 86,86m verlor er im Finale der vorigen Nacht MESZ völlig den Faden. Damit sollte es für den 27-Jährigen wie schon im Vorjahr bei Olympia in Tokio der medaillenlose, undankbare vierte Platz werden. Diesmal fehlten an Edelmetall allerdings nicht nur 14 Zentimeter, sondern 1,23m. Ein schwacher Trost (siehe Ergebnisliste).

Der einen Leid, der anderen Freud‘ in je vierfacher Ausfertigung

Doch nun kommt „unverhofft“ ins deutsche Spiel. Die 4x100-m-Staffel der Frauen mit Tatjana Pinto, Alexandra Burghardt, Gina Lückenkemper und Rebekka Haase stürmte durch die Medaillentür, die ihr von der mit einer Verletzung eingebremsten Britin Dina Asher-Smith aufgemacht worden ist. Dazu mit einem blitzsauberen Rennen auf allen Positionen und prima Wechseln sowie sich gegenüber dem „lahmen“ Vorlauf auf der Schlussgeraden um 0,22 Sekunden steigernden Haase. Das war auch dringend vonnöten, um gegenüber dem Afrika-Rekord laufenden Nigeria den dritten Platz in starken 42,03 (SBZ) zu 42,22 Sekunden zu behaupten. Vorne waren Überraschungssieger USA und Jamaika weit enteilt (Ergebnisliste). Das DLV-Quartett war sich in der Nachbetrachtung schon bewusst, dass ihm mit gehörigem Glück Bronze mit viel Pech von Großbritannien (41,99 im nicht ausgereizten Vorlauf) auf dem Silbertablett serviert wurde. Doch eine Binsenweisheit besagt: Abgerechnet wird auf der Ziellinie. Alles andere bleibt eh eine Hypothese.

Verletzung von Damian Warner macht Goldspur im Zehnkampf frei

Neu gemischt werden nach Halbzeit auch die Karten im Zehnkampf. Der haushohe Favorit Damian Warner aus Kanada zog sich über 400 Meter eine Oberschenkelzerrung zu, legte damit die Goldspur frei. Allerdings wäre es ein paar Schubladen zu hoch gegriffen, Niklas Kaul nun Chancen einräumen zu wollen, seinen überraschenden Titel von 2019 in Doha als jüngster Zehnkampf-Weltmeister der Geschichte verteidigen zu können. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass der 24-Jährige lediglich 17 Punkte hinter seinem damaligen Zwischenresultat liegt. (Ergebnisliste).

Souveräne Vorstellung von Titelverteidigerin Malaika Mihambo

Müßig,  außer sie sind dabei gewesen, ein Wort zu viel über die beiden deutschen Langstaffeln über 4x400m der Männer und Frauen zu verlieren. Bereits in der „Morning Session“ entledigte sich Weitspringerin Malaika Mihambo beim Unternehmen Titelverteidigung mit einem Sicherheitssprung von 6,84m in der Qualifikation (6,75m), bei dem sie nur ganz knapp mit der Spikesspitze den Balken berührte (17 cm „verschenkt“), der Pflicht. Wenn sie das Brett optimal trifft und dessen Katapultwirkung ausnutzt, dürfte eine sieben vor dem Komma fällig sein. Dann müssen der Konkurrenz die Flügel erst noch wachsen, die sie bei Übersetzung ihres Vornamens mit Engel sinnbildlich bereits hat. Aber wir wollen es nicht verschreien. Einen Garantieschein vermag im Sport keiner auszustellen. Die Ungewissheit und Unabwägbarkeit macht es ja gerade so spannend.
Die Fortsetzung des Zehnkampfes wird heute ab 18:35 Uhr im Internet-Livestream der ARD und in der kommenden Nacht ab 01:15 Uhr mit den weiteren Entscheidungen in der Fernseh-Programm übertragen.

Malaika Mihambo verteidigte im Hitchcocktail für starke Nerven den Titel

(Eugene/Krefeld, 25. Juli 2022) Was für ein Sprungfestival auch aus deutscher Sicht beim Schlussakkord der Weltmeisterschaften in Eugene/Oregon (USA) vergangene Nacht MESZ. Welch eine durch puren Zufall geschriebene Dramaturgie. Fast parallel schauten Stabhochspringer Bo Kanda Lita Baehre bei seinem dritten Anlauf über 5,80m und Weitspringerin Maleika Mihambo nach zwei ungültigen Versuchen schon mal in den Abgrund. In einem Hitchcocktail für starke Nerven überquerte sie der „Stabi“ aus Leverkusen, und Mihambo sprang beim Ritt auf der Rasierklinge mit 6,98m ins Finale der besten Acht zunächst auf den zweiten Platz. Ein wenig später Duplizität der Ereignisse mit einem anderen männlichen Darsteller. Fast zeitgleich flog Oleg Zernikel über 5,87m (PBL) und setzte sich die als Titelverteidigerin angetretene 28-jährige Kurpfälzerin mit 7,09m im vierten Durchgang an die Spitze des da nur noch achtköpfigen Feldes.

Meisterstück mit Brillanten im finalen Versuch

Bereits vor im finalen Versuch als alte und neue Weltmeisterin feststehend, machte die in sich ruhende Vorzeigeathletin trotz des Spannungsabfalls ihr Meisterstück mit Brillanten, landete bei vermessenen 7,12m in der Grube. Geflogen war sie auch diesmal weiter, denn auch dieser Versuch war nicht richtig auf dem Brett. Gleichwohl oder gerade deswegen: Famos und grandios! „Ein bisschen Drama ist bei mir immer dabei“, meinte sie hinterher vor Mikrofon und Kamera bei der ARD. Ganz so, als handele es sich um das Selbstverständlichste der großen, weiten Leichtathletik-Welt, in der Deutschland lediglich noch eine Statistenrolle mit ein bisschen „Lametta“ spielt.

Kleinere Nationen laufen Deutschland den Rang ab

Also mitnichten Ende gut, alles gut! Ohne alles ausschließlich an Medaillen (je einmal Gold und Bronze) festmachen zu wollen, lief, sprang, stieß und warf diese insgesamt enttäuschende große deutsche Nationalmannschaft mit zu vielen Sporttouristen selbst den individuellen Möglichkeiten hinterher. Überschläglich resümiert gab es beim absoluten Jahreshöhepunkt unter freiem Himmel nur sieben klassische Endkampfplatzierungen, lediglich zwei persönliche und zwölf saisonale Bestleistungen, kamen die 78 Athleten*innen bei 65 Starts (die Diskrepanz erklärt sich durch die Staffeln) nur 19mal eine Runde weiter. Damit liegt dieses überpropfte Team in der Nationenwertung nach Punkten selbst im innereuropäischen Vergleich hinter weitaus kleineren Mannschaften und Ländern wie den Niederlanden, Belgien und der Schweiz zurück. Wenn das als Armutszeugnis der Extraklasse noch nicht reicht, was dann, Frau DLV-Cheftrainerin Annett Stein? Entsprechend in Erklärungsnot bot sie beim Resümee bei der ARD eine ähnlich hoffnungslos überforderte Figur wie wenige Tage zuvor hinsichtlich der Zwischenbilanz bei ZDF-Moderator Norbert König (wir berichteten).

Ex-Weltmeister Niklas Kaul nach Achterbahnfahrt Sechster

Doch zollen wir noch den wahren „Königen der Athleten“ den nötigen Respekt. Titelverteidiger Niklas Kaul wurde fernab einer Medaillenchance nach einer Achterbahnfahrt mit Auf und Abs beim Zwei-Tage-Werk der Zehnkämpfer mit 8.434 Punkten Sechster. Immerhin nach vielen Problemen der Formfindung im Vorfeld und einem nicht standesgemäßen, in der Branche verpönten Abbruch beim Heimmeeting in Ratingen (die Höchststrafe für Mehrkämpfer) sein drittbestes Endresultat, wie der 24-jährige Mainzer selber anmerkte.

Armand Duplantis sorgte mit seiner Flugshow für den krönenden Abschluss

Noch über den eigenen Lattenzaun geschaut, sorgte in einer hochkarätigen Stabhochsprung-Konkurrenz der uneingeschränkte König der Lüfte Armand „Mondo“ Duplantis aus Schweden für den krönenden Abschluss der zehntägigen Titelkämpfe. Dabei hatte der 22-jährige „Himmelsstürmer“ die Bühne für sich. Noch nach der eigentlich abschließenden 4x400m-Staffel der Frauen steigerte der Sohn eines amerikanischen Vaters und einer schwedischen Mutter nach der von seinem Rekordvorgänger Sergej Bubka aus der Ukraine übernommenen „Salamitaktik“ schon eigenen Weltrekord um einen Zentimeter auf 6,21m. Wie sparsam er da war, bewies die elektronisch gemessene lichte Höhe über der Latte von acht Zentimetern. Das zeigt, wo die luftige Reise für ihn noch hingehen wird.
Darüber sei nicht vergessen, dass die mit 5,87m höhengleichen Oleg Zernikel als Fünfter und der zuvor stärker eingeschätzte Lita Baehre als Siebenter beim deutlich geschlagenen Rest vom Fest prima in der Weltelite mitmischten. Duplantis in seiner eigenen Galaxie macht halt beim Preisgeld einkassieren für Titel und Rekorde eben alle anderen Preise kaputt.
Alle Ergebnisse dieser WM im Selektionsverfahren nach Disziplinen unter dieser Verlinkung.          .       

Stabhochspringer Bo Kanda Lita Baehre bewies Nerven wie Drahtseile

(Eugene/Krefeld, 23. Juli 2022)  Und der vorgezogene Sommer-Schlussverkauf der deutschen Leichtathletik-Elite bei den Weltmeisterschaften in Oregon/USA geht ziemlich ungebremst weiter. Dies gleich zum Auftakt des achten Wettkampftages. Ohne über den zuletzt Formschwankungen unterlegenen, nachnominierten Stabhochspringer Torben Blech den Stab brechen zu wollen – aber was der Wahl-Leverkusener aus dem Siegerland (leider nur geografisch) ablieferte, war schlechterdings der Super-GAU (Größte angenommene Unfall). Der DM-Dritte mit einer Saisonbestleistung (SBL) von 5,70m scheiterte in der heutigen Qualifikation dreimal recht kläglich an der vorgegebenen und von ihm auch gewählten Anfangshöhe von 5,30m.
Eine Zitterpartie bot der bei sehr günstigem Verlauf als ganz leise Bronze-Hoffnung gehandelte Bo Kanda Lita Baehre. Der 23-Jährige benötigte drei Anläufe für die „Quali“-Höhe. Dort bewies er allerdings Nerven wie Drahtseile und „baute ein Haus“, wie es im Springer-Jargon heißt, über 5,75m. Den befand er selber als technisch noch nicht einmal so gut. Da scheint also für die Kür der besten Zwölf noch Luft nach oben. Das lässt sich auch für Oleg Zernikel konstatieren, der mit einer souveränen, blitzsauberen Vorstellung alle drei Höhen von 5,50, 5,65 und 5,75m (SBL) im ersten Versuch überquerte. Chapeau!  

Christine Hering mit deutschem Wahlspruch „ich bin froh, dabei gewesen zu sein“

Aus diesem Holz waren leider in der „Stunde der Wahrheit“ einmal mehr zu wenige DLV-Günstlinge geschnitzt. Wenngleich keine ernsthafte Endlauf-Kandidatin, lief Mittelstrecklerin Christine Hering als Letzte ihres 800-m-Triplefinales der Musik in 2:01,57 Minuten hinterher. Bei der Kurz-Replik am ARD-Mikrofon war von ihr dann der deutsche Gassenhauer „ich bin froh, dabei gewesen zu sein“ zu vernehmen. Landsfrau Majtie Kolberg machte es als Sechste ihres Rennens etwas schneller (2:01,36). Sei angefügt, dass für die 22-Jährige das Überstehen des Vorlaufes bereits ein Erfolgserlebnis war. Für zwei Rennen innerhalb von 25 Stunden fehlt ihr einfach noch die Tempohärte und das Ausdauervermögen.

Speerwurf-Nachrückerin Annika Marie Fuchs haderte als Zwölfte freimütig mit sich

Lehrgeld auf noch etwas höherem Niveau musste auch die auf der letzten Rille nachrückende Speerwerferin Annika Marie Fuchs zahlen, die mit 59,36m nicht wie selbstverständlich die Qualifikation überstand. Aber den Schnitt der besten Acht (59,98m) schaffte sie im Finale nicht, belegte als Zwölfte mit 56,46m den Platz, der ihr schon vorher mit einem gültigen Versuch sicher war. Wohl auch deshalb erklärte die DM-Zweite erfrischend ehrlich und freimütig, enttäuscht zu sein, ihr Potenzial (SBL 61,06m) nicht abgerufen zu haben. Endlich mal nicht die abgenudelte Platte „ich habe mein Bestes gegeben“. Was die Mindestanforderung sein sollte, jedoch allzu oft eben nicht gut genug war (Ergebnisliste).

Sprint-Staffeln: Männer mit zwei versiebten Wechseln raus...

Dieses Klagelied können auch die deutschen Sprinter im vierstimmigen Chor anstimmen. Als Solisten sind sie international allenfalls zweitklassig. Aber im Quartett wurde als Minimalziel die Finalteilnahme ausgerufen. Dazu gab der unlängst aufgestellte deutsche Rekord über 4x100m in 37,99 Sekunden durchaus berechtigten Anlass. Allerdings ist es nun mal ein riesiger Unterschied, solche ein Zeit in der Provinz von Regenburg zu laufen oder mit reichlich hochkarätiger internationaler Konkurrenz links und rechts neben sich bei einer WM. Und so reichte es in identischer Besetzung (Kranz, Hartmann, Ansah, Ansah-Peprah) nach zwei versiebten Wechseln als Vorlauf-Vierte in 38,83 lediglich in Summe zum elften Rang von 13 in die Wertung gelangten Staffeln. Genau genommen müßig zu erwähnen, da Konjunktiv, dass jene 37,99 die zweitschnellste Zeit hinter den USA gewesen wäre (Ergebnisliste).

Frauen schrammten haarscharf an einer Disqualifikation vorbei

Einen Ritt auf der Rasierklinge hatte das weibliche Pendant mit Tatjana Pinto, Alexandra Burghardt, Gina Lückenkemper und Rebekka Haase zu überstehen, schrammte haarscharf an einer Disqualifikation vorbei. Auf der dritten Position laufend verließ Lückenkemper (im Bild in Ruhestellung) erst nach hauchzart erfolgter Stabübergabe Bahn drei mit dem Fuß nach innen. Daran kann es jedoch nicht gelegen haben, dass Haase, zunächst mit in Führung liegend, bei ihrem Schlusspart in „fliegenden“ 10,40  noch von der Britin Neita (9,94) und der zunächst zurückliegenden Nelson (10,11) mit der zweiten Garnitur von Jamaika als Vorlauf-Dritte in 42,44 sec.überrannt wurde. Die „Häsin“ muss sich schon gewaltig steigern, wenn der sehr kühne Traum von Bronze in einem europäischen Duell mit Großbritannien hinter Jamaika und den USA in einem Rennen aus dem Staffel-Bilderbuch wahr werden soll. Zumal die sich fast verzockenden Schweizerinnen mit der Schonung ihrer Rekordhalterin (10,89 sec.) und Finalistin auf beiden Sprintstrecken, Mujinga Kambundji, noch auf die erweiterte Medaillen-Rechnung gehören (Ergebnisliste).

Titelverteidiger/in Maleika Mihambo und Andreas Kaul greifen ins Geschehen ein

Aber jetzt, wo die WM fast zu Ende ist, geht sie ja laut DLV-Frontfrau Annett Stein mit den Titelverteidigern Maleika Mihambo (Qualifikation im Weitsprung) und Andres Kaul (1. Tag im Zehnkampf) erst so richtig los. Ab 18:45 Uhr im Internet-Livestream des ZDF. Dann morgen ab 01:10 Uhr in der Nacht via Fernsehen im Zweiten, mit dem wir alle ja angeblich besser sehen, indes meist ordentlich auf die fachlich geschulten Ohren bekommen. Mit von der Partie in der örtlichen
Evening Session" Medaillenhoffnung Julian Weber im Speerwurf.