Es besteht nicht nur beim Gewichtwurf dringender Handlungsbedarf

Kommentar

Nebenbei bemerkt

(München/Krefeld, 16. September 2014)
Dies ist nicht die Stelle, um für ein Branchenverzeichnis Werbung zu machen. Aber dessen Spruch “Vielleicht hätten sie jemanden fragen sollen, der sich damit auskennt.” drängt sich im Zusammenhang mit den Bestimmungen zum Gewichtwurf in den Internationalen Wettkampfregeln (IWR) nachgerade auf. Hat man doch dort, ohne groß nachzudenken, den Gewichtwurf denselben Regularien unterworfen, wie sie auch für den Hammerwurf Gültigkeit haben (Seite 129 IWR).
Liebe Leute von der Regelkommission, verlasst den grünen Tisch, begebt euch auf die gleichfarbige Wiese, stellt euch in einen hoffentlich nicht zu glatten Wurfring, nehmt wechselweise Wurfhammer und Wurfgewicht in die Hand und vergleicht die damit zu erzielenden Weiten. Wenn auch nicht unmittelbar werdet ihr feststellen, dass so ein Wurfhammer etwa 80 Meter weit fliegen kann, das Wurfgewicht dagegen schon nach ungefähr 20 Meter der Erdanziehung Tribut zollen muss.

Schutzgitter-Einstellung verhindert gültige Würfe

Um dem mit der Wurfweite zunehmenden Gefährdungspotenzial gerecht zu werden, sind beim Hammerwurf-Schutzgitter an der Frontseite jeweils zwei Meter breite Flügel angebracht, deren einseitiges Einschwenken den maximalen Gefahrensektor auf ungefähr 53 Grad beschränkt.
Nun ist es allerdings so, dass der eingeschwenkte, cirka 1,22 m in den Wurfsektor reichende Flügel, zwar den Gefahrensektor minimiert, aber gleichzeitig auch die Fläche des Wurfsektors verkleinert. Prof. Dr. Günter Pilz aus Linz in Österreich, selbst Werfer, Lampis-Mitglied und ehemaliger Lehrstuhl-Inhaber für Mathematik, weist in einem Gutachten nach, dass es Hammerwürfe geben kann, die regulär im Sektor landen würden, aber durch den eingeschwenkten Flügel blockiert werden. Konkret fallen all die Würfe dem Flügel zum Opfer, die in seiner Richtung abgeworfen werden und bei Weiten zwischen 6,50 und 15 Meter landen würden. Würfe mit einer Weite von mehr als 15 Meter kämen außerhalb des Sektors auf und wären somit ungültig. Die meisten Hammerwerfer können mit dieser Einschränkung sicher leben.

Gegenüber dem 121,5 Zentimeter langen Wurfhammer beträgt die Länge des Wurfgewichtes dagegen nur 41 Zentimeter. Daraus resultiert eine veränderte Abwurfsituation. Für diesen Fall zeigt das Gutachten auf, dass sämtliche Würfe, die in Richtung eingeschwenktem Flügel abgeworfen werden, regulär im Sektor landen würden. Über die bereits auf sechs Meter reduzierte Öffnung des Wurfgitters hinaus vermag der eingeschwenkte Flügel nur einen minimalen Sicherheitsbeitrag zu leisten, verringert aber die Sektor-Auftrefffläche um etwa. 20 Prozent und unterwirft die Gewichtwerfer somit einer völlig sinnlosen Einschränkung.

Klare Vorschriften für Bodenbeschaffenheit fehlen

Aber jetzt zurück zur zweiten Baustelle im wortwörtlichen Sinne, der Oberflächenbeschaffenheit der Wurfringe. Im Hinblick auf deren Rutschfestigkeit existieren in der Regel 187.5 IWR keine präzisen Richtwerte, jeder lokale Betonbauer kann bezüglich der Gestaltung der Ringoberfläche fröhlich vor sich hin wurschteln.
Zwar mangelt es nicht an entsprechenden Vorgaben, “Gleitreibungsbeiwerte” finden sich in der DIN 18032-2 und die Gesetzliche Unfallversicherung setzt sich im Dokument GUV 181-R ausführlich mit der Rutschfestigkeit von Böden auseinander. Aber erst der entsprechender Bezug in den IWR auf diese Normen würde dem Betonbauer die Arbeit erleichtern und den Athleten derartige Rutschpartien ersparen, so wie sie bei den Europäischen Seniorenmeisterschaften 2014 im türkischen Izmir an der Tagesordnung waren. Denn auch dort fand sich weder seitens des Ausrichters vom Lokalen Organisationskomitee, noch bei der veranstaltenden EVAA (jetzt EMA) jemand, der sich damit auskannte.
Es besteht dringender Handlungsbedarf. Und das gleich an mehreren Stellen. Damit es nicht nur bei diesem Denkanstoß bleibt, sind nunmehr die Gremien des Deutschen Leichtathletik-Verbandes gefordert.