Herzzerreißendes Rührstück in der Senioren-Spielecke der DLV-Netzseite

Kolumne

Moment mal

(Leinefelde-Worbis/Darmstadt/Vaterstetten/Krefeld, 16. Juli 2019) Alles Müller, oder was? In der Senioren-Spielecke auf der DLV-Netzseite wurde gestern dem geneigten Betrachter ein opulentes, herzzerreißendes, tränenreiches Rührstück zelebriert. Das riesige Aufmacher-Foto, die Überschrift und der Vorspann des Beitrages kündeten bereits davon, dass es wohl das alles überstrahlende Ereignis zum Kehraus der dreitägigen Titelkämpfe in Leinefelde-Worbis gewesen sein muss: „Senioren-DM: Ergreifender Abschied am Schlusstag“
Wie bitte? Wenn schon, wäre es nicht auch ‘ne Nummer kleiner gegangen? Der Mann lebt schließlich und erfreut sich hoffentlich altersgemäß stabiler Gesundheit. Es handelte sich lediglich bei diesem „ergreifenden Abschied“ um das angeblich ultimativ letzte Rennen von Guido Müller (*26.12.1938) vom TSV Vaterstetten bei München. Dann wurden ihm vom Autoren noch „kluge Worte“ attestiert, für sich die weise Entscheidung getroffen zu haben, sinngemäßes Zitat, „bei einigermaßen klarem Verstand die Karriere zum richtigen Zeitpunkt zu beenden“.

Außenansicht lässt eine andere Interpretation zu

Das lässt sich in der Außenansicht des neutralen, indes sachkundigen Beobachters auch anders interpretieren. Nämlich so: Der Vaterstettener ist im wirklichen ersten Jahr der M80 und schon vorher längst nicht mehr der gefräßige Titelmoloch, der mit und ohne Hürden alles in Grund und Boden rennt. Ausbeute diesmal Silber über 400 und Bronze über 200 Meter. Und ob ihn viele fortan schmerzlich vermissen werden, sei dahingestellt. Schlussendlich war der nicht nur geografische Oberbayer bei all‘ seinen unbestritten großartigen Erfolgen ein hemmungsloser Egomane und Selbstdarsteller. Nur ein Beispiel: Es wurde kolportiert, dass während der Ära von DLV-Senioren-Wettkampfleiterin Heidi Pratsch aus dem nahen Gräfelfing (ein Schuft, der Böses dabei denkt), DM-Zeitpläne nach seinem Gusto getaktet worden seien.

Guido Müller machte sich bei Werfern hochgradig unbeliebt

Werfer haben/hatten eh ein ambivalentes (Nicht-)Verhältnis zu Müller. Anlässlich der Senioren-Weltmeisterschaften 2007 in Riccione an der italienischen Adria verstieg er sich in (s)einer Abhandlung im Leichtathletik-Magazin SELAplus zu der mit großer Entrüstung aufgenommenen Aussage, dass der WM-Zeitplan gehörig gestrafft und um einige Wurf-Disziplinen geleichtert werden müsse. Dabei übersah er geflissentlich, auch vor der eigenen Türe zu kehren. Denn für ältere Semester jenseits der Sechzig gehören die unfallträchtigen 300 m Hürden als Erstes gestrichen. Geradezu abenteuerlich, welche Szenen sich bei diesem Wettbewerb in „Bella Italia“ bis hin zu Stürzen und schweren Verletzungen abspielten. Ganz zu schweigen von der Ästhetik und Negativ-Werbung für die damals noch häufig belächelten und symbolisch wie Vieh am Nasenring durchs Dorf gezogenen Senioren-Leichtathleten.

Für etwaig Wehmütige „müllert“ es weiter
 
Aber alles das hindert uns freilich nicht daran, Guido Müller für seinen fürderhin beschaulicheren Tagesablauf mit einem Mehr an freier Zeit alles Gute und jede Menge Kurzweil zu wünschen! Für etwaig Wehmütige „müllert“ es ja weiter. Der neun Jahre ältere Herbert E.Müller (*1929) vom TSV Bayer Dormagen läuft so lange ihn die Füße tragen. Und wie ich weiß, ist der regelmäßige LAMPIS-Leser obendrein bei klarem, wachem Verstand.