Nicht nur bei Jung-Papa David Storl war noch reichlich Sand im Getriebe

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(Rochlitz/Leipzig//Krefeld, 01. Februar 2021) Vollenden wir der Chronistenpflicht folgend anknüpfend auf unsere gestrige Eilmeldung „David Storl aus dem Wettkampf wegen ,Baby-Alarm‘ abberufen“, was aus der leibhaftigen Nachwuchsarbeit des deutschen Vorzeige-Kugelstoßers geworden ist. Seine Frau Marie hat im Kreißsaal einer Leipziger Klinik um 03:48 Klein-Karlo zu Welt gebracht. Mutter, Vater und der neue Erdenbürger sind allesamt gesund, munter und glücklich. So überlieferte es uns auf Anfrage der mit „Storli“ befreundete 16 Jahre ältere Meister des Fachs Andy Dittmar aus Gotha. Es geht eben nichts über den heißen Draht gepflegter Seilschaften. Noch dies, was nicht nur eingedenk der Leistung von 20,18m zur Randnotiz verkümmert: Der 30-jährige Lokalheld seines Geburtsortes gewann auch ohne die notgedrungen drei abgeschenkten Versuche des Finales den Wettbewerb der Männer beim 15.Rochlitzer Kugelstoß-Meeting. Die Konkurrenz vermochte die „Gunst der Stunde“ seiner vorzeitigen Abwesenheit nicht zu „Befreiungsschlägen“ zu nutzen, obwohl da nichts Unerreichbares aufgetürmt worden war.

4:40 Stunden Kugelstoßen reif für das Guiness-Buch der Rekorde

Ansonsten galt für Sehleute daheim am Monitor der Internet-Übertragung per Livestream: Sportlerherz, was willst du mehr? Sofern es für das runde Eisen zwischen 4 und 7,26 Kilogramm schlägt. Der MDR berichtete gestern insgesamt 4:40 Stunden (10:30 – 13.10 und 14 bis 16 Uhr) von dieser rein deutschen Leistungsschau im Kugelstoßen der Bundeskader durch die verschiedenen Klassen. Das wird es vermutlich in diesem Ausmaßen noch nie gegeben haben und dürfte reif  für das Guiness-Buch der Rekorde sein. Bis auf die willkommene Pause zur Nahrungsaufnahme immer dabei der Verfasser dieses Beitrages. Als ehemaliger Kugelstoßer mit 1.160 Wettkämpfen in 52 Jahren und  den örtlichen Gegebenheiten der Turnhalle Am Regenbogen von „Fliegende Kugeln im Advent“ am 20.Dezember 2009 bestens vertraut (da allerdings mit rund 1.000 Zuschauern), bekomme ich den Hals von meiner trotz so mancher Zweifel ungebrochenen Lieblingsdisziplin so schnell nicht voll.

Umstellung auf Drehstoßtechnik wurde in Deutschland regelrecht verschlafen

Was nicht bedeutet, dass ich genauso schnell zu begeistern wäre. Aber das war eine rund herum stimmige Darbietung mit einem bestens aufgelegten, nimmermüden, stimmlich angenehmen und ausdrucksstarken Kommentator am Mikrofon, seinen sich vor- und nachmittags abwechselnden fachkompetenten Unterstützern in den für Männer/Frauen zuständigen Bundestrainern Sven Lang und Christian Sperling (im Bild) beim Nachwuchs sowie den so genannten „Flash Interviews“ seines kluge Frage stellenden Kollegen. Da wurde für Laien und selbst Fachleute viel Wissenswertes, Interessantes vermittelt. Und von Drehstoß-Experte Sperling öffentlich auch dies, dass die herkömmliche Angleit- oder Rückenstoßtechnik nach Parry O’Brien (USA) ein Auslaufmodell sei (was Lampis nachweislich seit elf Jahren gebetsmühlenartig predigt) und in Deutschland die Umstellung auf den international die Szene dominierenden Drehstoß in der Trainingslehre viel zu lange verschlafen wurde. Allerdings ist sie allmählich auf dem Vormarsch. Bei den Männern waren es immerhin fünf der acht Teilnehmer, derweil es bei den Frauen noch unterrepräsentiert ist. Erstaunlicherweise gibt es bei „Jugend forscht“ auch noch allzu viele „Nostalgiker“.

Christina Schwanitz haderte mit sich selbst und schwieg zum Portugal-Import

Das bei den meisten, Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel, beim oftmals ersten Wettkampf des Jahres unter dem Hallendach noch reichlich Sand im Getriebe war, ist nicht weiter verwunderlich. Davon machte auch Christina Schwanitz (im Bild) bei ihrem dritten saisonalen Auftritt keine Ausnahme. Die war eigentlich nach den ernüchternden 18,27m von Karlsruhe auf Rehabilitation mit einer 19 vor dem Komma aus. Unternehmen mit 18,93m, aber einer grauseligen Serie mit vier bewusst ungültig gemachten Versuchen, in Zentimetern knapp gescheitert. Das kommentierte sie in gewohnt selbstkritischer Art. „Es passt technisch noch nicht. Aber bis zur DM in Dortmund und der Europameisterschaft in Polen ist ja noch ein bisschen Zeit. Von der EM will ich mit einer Medaille nach Hause kommen“, bekräftige sie im Interview des MDR. Befragt zur von Portugal eingebürgerten Afrikanerin Auriol Dongmo, die in Karlsruhe aus dem „Niemandsland“ mit 19,65m Weltjahresbestleistung, Landes- und Meetingrekord stieß, äußerte sich die 35-jährige Zwillingsmutter vielsagend mit Stillschweigen.
Das passt dann wie der Deckel auf den Pott zu meinen gelegentlichen Zweifeln. Insofern konkretisiert, dass manch eine/r bei der Ernährung eine neue Wunderwaffe entdeckt haben muss. Usain Bolt bevorzugte zu seiner Zeit jamaikanische Süßkartoffeln. Die haben natürlich unbeanstandet alle Doping-Kontrollen passiert. Apropos: Christian Zimmermann (*1994) vom Kirchheimer SC wurde vor Ort zur selben ausgelost.

Steven Richter fehlten Frische und Feinmotorik

Für den neuen Stern am deutschen Himmel bei Kugel und Diskus, Steven Richter (*2003) vom LV 90 Erzgebirge, lief es beim altersgemäßen Umstieg auf die 6-Kilo-Kugel der U20 auch nicht nach Wunsch oder fremdbestimmter Erwartungshaltung. Jene 18,43m als Viertplatzierter sind kein Äquivalent zum vorjährigen Sachsen-Rekord von 21,68m (vorher Storl) mit der „Fünfer“ (etwa minus zwei Meter). Diese Formel ging indes bei dem gleichaltrigen Sieger Dominik Idzan von der LG Stadtwerke München mit 18,89m fast auf den Zentimeter genau zu seinen 20,85m aus 2020 auf. Richter nahm es im Gespräch mit Hallensprecher Hardy Gnewuch gelassen. Er wäre aus dem vollen Aufbautraining für den Sommer an den Start gegangen, darunter hätten schlicht Frische und Feinmotorik arg gelitten. Nachvollziehbar.
Was die Ergebnisliste nicht hergibt, sei der guten Ordnung halber noch erwähnt. Para-Sportler Mathias Schulze (*1993) aus Cottbus, der links nur über einen Armstummel bis vor dem Handgelenk verfügt, verbesserte in der Schadensklasse F46 gleich dreimal den deutschen Rekord auf letztlich 14,81m. Bei diesem Handikap des unvollkommenen Widerlagers eine famose Leistung. Halt eine neue Bestmarke.