Diese Senioren-EM verdiente sich keinen Ehrenplatz in der Historie PDF Afdrukken E-mailadres
Geschreven door Axel Hermanns   
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(Krefeld, 25. Juli 2010) Wo gehobelt wird, da fallen Späne. Das wissen nicht nur Tischler, Schreiner, Zimmerleute und Holzschnitzer. Eher tagt das geweissagte Jüngste Gericht, als dass eine perfekte Veranstaltung, an einem perfekten Schauplatz mit einer perfekten Organisation über die sportliche Bühne geht. Illusorisch! Es geht schlicht darum, die Unzulänglichkeiten zu minimieren. Darin waren die Minimalisten bei den 17. Senioren-Europameisterschaften weit draußen in der Puszta im ostungarischen Nyiregyhaza allerdings nicht maximal. Diese EM wird allenfalls bei den Medaillengewinnern im verklärten Rückblick einen nachhaltig positiven Eindruck hinterlassen. Aber darauf würde ich nach Aussagen von mit Edelmetall dekorierten Augenzeugen jetzt auch schon keine Wette mehr abschließen. Einhelliger Tenor: „Sie waren bemüht.“ Ein schlimmeres Zeugnis gibt es nicht, heißt nämlich im nicht ausgesprochnen zweiten Halbsatz:...haben es aber nicht geschafft.
Die Ungarn bezeichnen sich selber als einsam. Das werden sie so lange bleiben, wie sie sich standhaft weigern, sich zumindest ein paar Brocken englisch anzueignen. Nur gut, dass es ein internationales Kampfgericht gab, in dem auch deutsch gesprochen wurde. So war Diskuswurf-Europameister und unser Vip-Mitglied Lothar Pongratz (*52) aus Paderborn erst einmal ganz perplex, als er einen Offiziellen in Englisch anredete und zur Antwort bekam „Mit mir können sie deutsch sprechen, ich bin ihr Landsmann.“ Glück gehabt. Hatten aber längst nicht alle. Denn in der Mehrzahl waren die Kampfrichter und Helfer ausschließlich der ungarischen Zunge mächtig.
Dilemma begann bereits am Flughafen Budapest
Das Dilemma nahm frühzeitig seinen Lauf. Für all jene die den Flugweg wählten und in Budapest einschwebten, begann nach der Landung die verzweifelte Suche nach dem Bus für den gebuchten Shuttle-Service zum 270 Kilometer entfernten Ort der Begierde. Keine Spur von dem im Athleten-Handbuch versprochenen „Information Desk“ in der Ankunftshalle. Wer ihn dann doch irgendwann gefunden hatte, den Bus, und in dem selben noch Platz fand, der erlebte nach mehrstündiger Fahrt im Anmeldezentrum die nächste unliebsame Überraschung. Da sah es aus wie beim Hempels unterm Sofa, herrschte die geordnete Unordnung, obendrein für die sich bildende Menschentraube personell hoffnungslos unterbesetzt. Da wurde schon vor dem Wettkampf bei den Teilnehmern sinnlos Adrenalin verpulvert.
In unmittelbarer Nachbarschaft zum so genannten „Second Stadium“, in dem sehr viele Wurfentscheidungen stattfanden, befand sich ein Kraftwerk. Ausgesprochen anheimelnd. Das Wort Stadium, was für Stadion steht, ist eine charmante, indes gnadenlose Übertreibung. Es handelte sich um einen Sportplatz mit einer kleinen, dazu baufälligen Tribüne, die in jedem anderen Land außerhalb des Ostblockes der Abrissbirne zum Opfer gefallen wäre. O-Ton Lothar Pongratz: „Diese Wettkampfstätte war einer EM absolut unwürdig.“ Und dieser Mann hat in seiner langen Laufbahn neben der Laufbahn bei allen möglichen Meetings und Meisterschaften schon ein paar Anlagen gesehen.
Nett gemeint, aber dilettantisch umgesetzt, größere Felder von mehr als 20 Teilnehmern zu teilen. Anstatt parallel in zwei Gruppen den Vorkampf zu absolvieren und anschließend die besten Acht für die drei Final-Versuche zusammen zu führen, fand dieses Prozedere hübsch nacheinander statt. Wer sich also aus der ersten Gruppe, Serie 1 genannt, für den Endkampf qualifizierte, der wartete sich zwei Stunden lang einen Wolf. „Tödlich“! Grundsätzlich wurden zwar die die Besten nach der gemeldeten Vorleistung für die zweite Gruppe gesetzt. Doch viele hatten gar keine oder eine utopische Meldeleistung angegeben. Der Hochstapler schlechthin war der Serbe Milutin Jegdic, der im Kugelstoßen der M 65 mit der zweitbesten Vorleistung (nach mir, sei bescheiden angemerkt) von 14,01 m gemeldet war. Bei seinen dargebotenen Weiten zwischen 11,23 und 11,79 m kann bis dahin die Kugel ausgerollt sein. Bestenfalls.
Unfassbar – Messungen differierten in der Spitze um zwei Meter
Lampisianer Christopher Gerhard (*67) hatte als frisch gebackener Zehnkampf-Europameister mit Interessen-Schwerpunkt Kugel und Diskus beim Diskuswurf der M 40 katastrophale Beobachtungen gemacht.  Wohlgemerkt als Zaungast, nicht als Aktiver an dieser Konkurrenz. Ein sehr junger Feld-Kampfrichter, derweil der eigentlich dafür abgestellte Routinier bei Brüllhitze im Schatten lag, machte so gut wie keinen Abdruck richtig aus. Die tatsächlichen Einschläge differierten in der Spitze um zwei Meter, im Schnitt um 10 bis 30 Zentimeter. Natürlich nicht generell nach oben oder unten. Dann hätte es sich ja wenigstens niveliert. Gleichwohl hat jeder ein Anrecht darauf, dass die erzielte Weite auch gemessen wird. Wehe, es gab knappe Entscheidungen. Da wurden womöglich Europameister gekürt, die es gar nicht waren. Felix Mohr aus Radolfzell wurde offiziell bei 48,55 zu 48,82 m um 27 Zentimeter geschlagen. Das lag locker im Streubereich des genannten Jünglings, der sehr lax an das ihm übertragene Werk ging. Nun ist allerdings nicht überliefert, ob er auch bei der M 65 wieder in illegaler Vertretung des Schattenmannes Dienst schob.
Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen mit fast keine Ansagen in Englisch, keine Anzeigetafeln und so weiter... Hacken wir nicht erneut auf den unendlich vielen „Touris“ herum. Den leidigen Spagat zwischen Sport und Kommerz erwähnten wir schon bei der Ergebnis-Berichterstattung. Bevor also dieser Kommentar auszuufern droht, sei noch Angelika Holder zitiert, die als aktive Kugelstoßerin der W 50 und Reiseveranstalterin von Holder Tours zwei Sichtweisen einbringt: „Wenngleich es immer weniger Veranstalter beziehungsweise Bewerber für internationale Senioren-Meisterschaften gibt, ist der europäische Osten meines Erachtens nicht geeignet ein solches Großereignis ordentlich auszurichten, da noch in alten ideologischen Denkmustern verhaftet.“
Dem ist nichts hinzuzufügen.
Anmerkung der Redaktion: Diesen für Blog gedachten Beitrag stellen wir für die erfreulich große Anzahl von Gästen zunächst unter News.