Johannes Vetter fand in die Siegspur, aber nicht zur 90-m-Form zurück

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Kommentar

Nebenbei bemerkt

(Offenburg/Krefeld, 16. August 2021) Ein Befreiungsschlag, eine Art von Rehabilitation hätte deutlich anders aussehen müssen. Speerwurf-Ass Johannes Vetter von der LG Offenburg konnte gestern bei seinem heimischen Spezial-Meeting lediglich die Abwärtsspirale stoppen und in die Siegspur zurückkehren. Der 28-jährige Lokalmatador gewann gegen den mit 85,85m Saisonbestleistung werfenden amtierenden Weltmeister Anderson Peters aus Grenada denkbar knapp mit 86,17m. Gemessen an der aktuellen Weltbestenliste, die er selber mit 96,29m als einziger 90-m-Werfer und Riesenvorsprung von 6,74 Meter anführt, war das fraglos ein Topresultat. Aber er wirft eben nicht mehr in seiner eigenen Liga jenseits der 90 Meter, die er bis zu jenem Juwelen-Meeting in Gateshead am 13.Juli bei seinen dortigen 85,25m in sieben Wettkämpfen hintereinander übertroffen hatte.

Seit dem Juwelen-Meeting war der Hochglanzlack praktisch ab

Doch von da an war der Hochglanzlack praktisch ab. Drei Tage später bei der Verabschiedung der stoßenden und werfenden Olympioniken in Thum (da wollte er ursprünglich nicht starten) konnten 86,48m seine verloren gegangene Zufriedenheit und das angeknackste Selbstvertrauen auch nicht wieder herstellen. Bekanntlich sollte es ja noch schlimmer kommen. Bei der Qualifikation (84,00m) in Tokio gelang erst im dritten Anlauf mit 85,64m das große Q, jedoch nach 19 saisonübergreifenden Erfolgen in Serie im direkten Aufeinandertreffen die erste Niederlage gegen den späteren Olympiasieger Neerja Chopra (86,65m) aus Indien. Ein kleiner schwarzer Fleck auf der bis dahin blütenweißen Weste, abzuhaken unter Schönheitsfehler. Denktste! Die Talfahrt ging weiter mit dem Ausscheiden nach dem Vorkampf des Finales als Neuntem mit für Vetter indiskutablen 82,52m. Wieder mal soll es der unzulängliche Belag schuld gewesen sein, auf dem in beiden Qualifikationsgruppen und im Finale insgesamt sieben Saisonbestleistungen mit teilweiser hoher Qualität zu notieren waren, darunter die Zweit- bis Viertplatzierten. Also zwei Medaillengewinner und Julian Weber (85,30m) aus Mainz.

Nun soll ein standardisierter Belag a la „Bruder Johannes“ her

Soweit die ernüchternde Historie vom „Unternehmen Gold“, die jedoch darin gipfelte, dass Bundes- und Heimtrainer Boris Obergföll (geb. Henry) in prolliger Manier von „Betrogen und beschissen“ sprach (wir berichteten). Doch damit immer noch nicht genug. In einem auf dem Internet-Portal des Nachrichtsenders n-tv veröffentlichten Beitrag fordert „Bruder Johannes“ vom Weltverband World Athletics nicht mehr und nicht weniger als einen standardisierten Belag im Abwurfbereich quasi nach seinem Gusto, damit die neue
Mission Paris" nicht gefährdet wird. Das könn(t)en dann andere natürlich auch für sich in Anspruch nehmen. Der weitspringenden Olympiasiegerin Malaika Mihambo wäre anzuraten, einen Absprungbalken von 40 statt 20 Zentimeter zu fordern, um auch mal in den Genuss zu kommen, das Brett zu treffen und die Katapultwirkung mitzunehmen.
Wie wäre es bei dem mit drastischem Vokabular auffällig gewordenen ehemaligen Herrn Henry und seinem Parade-Schützling einfach zuzugeben, dass in der Wettkampf- und Trainingssteuerung beim zuvor vollmundig erklärten Vorhaben Olympiasieg eklatante Fehler gemacht worden sind. Der Beweis liegt spätestens seit gestern auf der Hand, die Ausrede vom vermeintlich leistungshemmenden Belag zieht nicht mehr.