Neuer EMA-Rechtsberater Pierre Weiss in IAAF-Skandal verwickelt?

Kolumne

Moment mal

(Freudenstadt/Krefeld, 15. Januar 2016)
Scheibchenweise, wie bei der FIFA, werden immer neue Korruptions- und Dopingfälle bei der IAAF bekannt. Weiterhin im höchst zweifelhaften Rampenlicht steht der russische Leichtathletik-Verband, dessen Suspendierung die europäischen Senioren mit ihrem Repräsentanten Kurt Kaschke (Freudenstadt) im vorauseilenden Gehorsam als erste weltweit publik machten. Im Fokus auch der senegalesische Familienclan um Lamine Diack und seinen Sohn Papa Massata (siehe Spiegel Online Das Regiment der „Drecksäcke"), dazu Mitarbeiter wie Gabriel Dollé und neuerdings auch Nick Davies, Büroleiter unter dem neuen IAAF- Präsidenten Sebastian Coe (Großbritannien). Insider wunderten sich seit den ersten Veröffentlichungen indes, warum ein Name nie auftauchte: Pierre Weiss (Frankreich), der bis 2011 die Amtsgeschäfte als Generalsekretär der IAAF innehatte. Bekanntermaßen ist ein Generalsekretär, gleich in welchem Verband, die Schlüsselfigur, wenn es um Informationen geht. Über den Tisch eines solchen Mitarbeiters läuft alles, aber auch wirklich alles.
Die angesehene Nachrichtenagentur Associated Press (AP) ist nun fündig geworden und belegt, dass auch Pierre Weiss in die Schublade „ich weiß alles“ passt. Als Beleg veröffentlicht AP ein Schreiben der IAAF vom 14.Oktober 2009 von Pierre Weiss an den russischen Leichtathletik-Präsidenten. Pikant! Brisant! Auch entlarvend? Näheres dazu in diesem Online-Beitrag auf SPOX.com

Eine unselige Gemengelage

All das könnte die Welt der Senioren-Leichtathletik eigentlich kalt lassen, wenn da nicht der Querverweis auf „selbe Sportart“, „selber Verband“, „selbe Struktur“ et cetera kursieren würde. Im „Fall Weiss“ scheint das Ganze aber eine Dimension anzunehmen, die gehörige Kopfschmerzen bereiten könnte. Seit jüngerer Zeit ist er nämlich beim europäischen Seniorenverband EMA der Fachmann für Rechts- und (ausgerechnet) Antidoping-Fragen, berät die kontinentale Dachorganisation bei der neuen Satzung und einigem mehr.
Zuvor hatte Rechtsanwalt und Notar Rüdiger Nickel (Hanau) diese Funktion ausgefüllt, wurde dafür vom im August 2012 gewählten EVAA-Präsidenten Kaschke öffentlich auf der Verbandsnetzseite gelobt. Und dann wurde er wie eine heiße Kartoffel fallen gelassen, der deutsche Experte. Ein Bauernopfer des neuen Amtsinhabers, der ja seinen Geheimvertrag (Verpflichtungserklärung)  mit dem Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) erfüllen musste. Ansonsten wäre er vom DLV nicht für die Nachfolge von Dieter Massin (Ahlen) nominiert worden. Eine unselige Gemengelage.
Nun scheint die EMA (zuvor EVAA) einen echten Klotz am Bein zu haben. Denn wie glaubwürdig kann sich (wenn überhaupt) der ehemalige „General“ der IAAF vor den Delegierten der EMA präsentieren, wenn er ganz  augenscheinlich in den IAAF-Skandal verwickelt ist? Und so fragen sich die Entsandten der europäischen Mitgliedsverbände, die am 31.März 2016 zur Generalversammlung nach Ancona (Italien) eingeladen wurden, um über eine vom Franzosen aus dem Elsass konzipierte und nach Vorgaben von Kaschke ausgearbeitete Satzung (Amstverlängerung des Präsidiums) abstimmen zu lassen, ob  Herr Weiss sich nicht erstmal eine zu seinem Namen passende weiße Weste zulegen sollte. Sofern das überhaupt noch möglich ist?

Glaubwürdigkeit und Ruf stehen auf dem Spiel

Ob FIFA oder IAAF, die vermeintlichen Vorzeige-Weltverbände haben noch einiges aufzuarbeiten, um wieder glaubwürdig zu werden. Derweil schickt sich die EMA gerade an, Glaubwürdigkeit und guten Ruf leichtfertig aufs Spiel zu setzen. Es sei denn, sie käme zu der plötzlichen Erkenntnis, dass weder Geheimverträge noch Beratertätigkeiten mit ins Zwielicht geratenen Personen dem Ansehen eines Verbandes dienlich sein können.