Besinnliche Gedanken eines fortgeschrittenen Werfers der M75

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Kolumne

Moment mal


(Bonn/Krefeld, 27. Dezember 2020)
Da sehen wir einen jugendlichen Athleten, der die Kugel oder den Diskus weit von sich wirft. Sehr weit. Zu weit. Mal ehrlich: Wem von uns älteren Stoßern und Werfern (den Quatsch mit den Gender-Sternchen lassen wir mal weg) ist es dabei nicht schon widerfahren zu sagen oder denken: „Ja, früher habe ich auch…" Oder so ähnlich.
Manchmal kommt mir da der Roman von Oscar Wilde „The Picture of Dorian Gray" in den Sinn, in dem ein junger Mann nicht altern will, auf das Porträt, welches ihn in seiner vollen jugendlichen Schönheit zeigt, mit zunehmenden Jahren eifersüchtig wird und sich wünscht, dass es anstatt seiner altern möge. Die Geschichte endet tragisch und sollte zu denken geben.

Es geht nicht um Neid und Missgunst…

Natürlich gönnen wir dem oben erwähnten jungen Hünen im Ring seine Weite. Aber der gedankliche Reflex auf unsere damaligen Leistungen zeigt, dass seine Weite etwas mit uns macht. Gewiss nicht in Richtung auf Neid, Relativierung oder gar Abwertung. Nein, Altern hat, wenn vieles im Hinblick auf die Anzahl der noch verbleibenden Jahre richtig eingeordnet wird, einen gewichtigen Vorteil. Es kann zu der Einsicht führen, die Wisława Szymborska (1996 Nobelpreis für Literatur) einmal so formuliert hat: „Wer behauptet, der Tod sei allmächtig ist lebender Gegenbeweis davon. Es gibt kein Leben, das nicht wenigstens für einen Augenblick unsterblich wäre. Und der Tod kommt immer um diesen einen Augenblick zu spät."

…eher um einen Rückblick in Gelassenheit

Niemand, auch nicht der Tod oder die sich als Totengräber der Senioren-Leichtathletik verdingenden Koryphäen im DLV, kann uns Werfern also nehmen, worauf wir stolz sein dürfen. In der Spanne von Rückblick und Vorausschau wahrgenommen, hinterlässt der Vergleich nicht ein Gefühl von Verlust, eher lässt er uns gelassen werden. Gleich, wie weit Kugel oder Diskus des jungen Kerls, der davon nichts ahnt, fliegen.
Es sind eben besinnliche Zeiten!