Ex-Diskuswerfer Alwin J. Wagner: "Warum ich in Sachen Doping an die Öffentlichkeit ging und auch in Zukunft nicht schweigen werde?!"

 

(Melsungen, 13. März 2015) Manchmal stellt sich mir die Frage, was uns die Studie zur Aufarbeitung der westdeutschen Doping-Geschichte, die 2013 von der Humboldt-Universität Berlin veröffentlicht wurde, gebracht hat. Was als eine riesige Welle hereinzubrechen drohte, verlor schnell an Dynamik und wurde zum Rinnsal. Die Funktionäre und auch die Politiker warteten bis die Empörung in der Öffentlichkeit sich gelegt hatte und Gras über die Sache gewachsen war.
Ich kann mir gut vorstellen, dass auch mein letzter Beitrag zum Freiburger Doping-Sumpf mit der Frage „In welchem Umfang Sportärzte aus Freiburg in Doping von Spitzensportlern verwickelt waren“ ebenfalls so enden wird. Bei uns in Westdeutschland existierte vor der Wiedervereinigung ein umfassendes Dopingsystem, das von Sportärzten betrieben, von Funktionären des DLV gedeckt und vom Staat sogar gefördert wurde. Weil bei uns „ein Kartell des Schweigens“ herrschte, konnten Politiker, Verbandsfunktionäre, Trainer und Sportler die dunklen Seiten der eigenen Vergangenheit weitgehend verborgen halten. Noch heute fehlt den meisten das Interesse, diese Vergangenheit aufzuklären.

Erstmals 1980 zu Dopingproblem geäußert

Bereits
1980 hatte ich auf das Doping-Problem der DLV-Leichtathleten in den Medien aufmerksam gemacht. Nachdem der damalige DLV-Präsident Prof. Dr. August Kirsch nicht mit mir darüber sprechen wollte und mir beim Treffen der Kader-Athleten das Wort verbot, schrieb ich einen Brief an das Nationale Olympische Komitee (NOK) und schickte an den Vorsitzenden der Stiftung Deutsche Sporthilfe, Josef Neckermann, eine Kopie. Ich erhielt von beiden nie eine Antwort und war mir von da an sicher, dass alle im selben Boot saßen und mit den Athleten in die gleiche Richtung ruderten. Später reichte ich eine Kopie dieses Briefes an die Bild-Zeitung weiter, die einen Auszug davon veröffentlichte. Aber es gab keine Reaktion vom Verband, vom NOK und schon gar nicht von politischer Seite.
In den folgenden Jahren biss ich weiter auf Granit. Denn die medaillenhungrigen Politiker und Funktionäre wollten im Kalten Krieg unbedingt mit der DDR mithalten, was ohne Doping nicht zu schaffen war. Erst 1990 schien sich in Sachen Dopingbekämpfung im deutschen Hochleistungssport etwas zu bewegen. Der deutsche Sport war nämlich wegen der Dopingproblematik und seiner rücksichtslosen Medizinerins Gerede gekommen und lief Gefahr, in seinem Ansehen Schaden zu nehmen. Als Zeuge sagte ich fast vier Stunden vor Prof. Dr. Heinrich Reiter, dem Präsidenten des Bundessozialgerichts, zu den Dopingpraktiken der deutschen Diskuswerfer aus. Meine Aussagen gegen Prof. Dr. Armin Klümper aus Freiburg und den Bundestrainer Karl-Heinz Steinmetz wurden protokolliert, und ich konnte alles mit meinen Unterlagen belegen. Am Ende blieb alles beim Alten. Doping belastete Trainer aus Ost und West wurden neu eingestellt sowie alte Verträge verlängert. Für die Sportler sollte eine Generalamnestie erfolgen und Dopingvergehen vor einem einheitlichen Stichtag nicht mehr verfolgt werden.

Offizielle des DLV hüllten sich in Schweigen

Als die ehemalige Diskuswerferin Brigitte Berendonk ihr Buch unter dem Titel „Doping-Dokumente – Von der Forschung zum Betrug“ veröffentlichte, in dem ihr Ehemann Werner Franke, Professor für Zell- und Molekularbiologie am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg, als absoluter Experte in Sachen Dopingbekämpfung mit seinen Quellen wesentlich dazu beitrug, dass Licht in den deutschen Dopingsumpf kam, wurde das lediglich zur Kenntnis genommen. Auch ich hatte für dieses Buch Informationen geliefert, wurde aber nie vom DLV diesbezüglich angehört. Im Gegenteil, der damalige Rechtswart warnte mich vor weiteren öffentlichen Äußerungen. Als ich ihm in einem fünfseitigen Brief mitteilte, dass ich weiteres belastendes Material gegen den DLV und seine Trainer besitze, ließ der DLV-Rechtswart nichts mehr von sich hören.
Professor Gerhard Treutlein aus Heidelberg und Andreas Singler aus Mainz publizierten nach intensiven Recherchen im Jahr 2000 das Buch „Doping im Spitzensport“ und deckten weitere Doping-Praktiken im Westen auf. Auch für dieses Buch stellte ich Informationsmaterial zur Verfügung. Aber erneut blieben Reaktionen aus dem Bundesinnenministerium und vom Deutschen Leichtathletik-Verband (DLV) aus. Von den Athleten sprach niemand in der Öffentlichkeit über die Doping-Problematik. Allenfalls untereinander wurde darüber gefachsimpelt, wer was und wieviel er einnimmt. Aber wenn jemand wie ich die Presse darüber informierte, wurde ich als „Nestbeschmutzer“ tituliert und von den anderen Aktiven in einem Öffentlichen Brief geächtet. Und wenn sich einmal ein Athlet zu der Dopingproblematik äußerte, dann war es lange nach seiner aktiven Laufbahn (zum Beispiel Ralf Reichenbach, Hein-Direck Neu oder auch Udo Beyer, nicht zu verwechseln mit Uwe Beyer). – Wird fortgesetzt!